Alle Jahre wieder kommt ein Charterschiff
Ich frage mich ob es das Gleiche ist, wie bei der Zusammenkunft der Zugvögel oder der Lachse, wenn sie gemeinsam die Flüsse hin- aufziehen. Es gibt eine kurze Begrüßung am Counter und wir übergeben der freundlichen Dame unser Gepäck zum Einchecken. Zwi- schen diesen Treffs geht jeder seinen Weg und lebt sein ereignisreiches Leben.
Es ist bereits Herbst, aber wir können an unserem Zielort noch gutes, warmes Wetter erwarten. Anfangs sind wir im Frühjahr ge- segelt. Da war es auch schon warm. Die Tou- ristenwelle hat noch nicht eingesetzt und die wenigen Segler und Motorschiffer bildeten ein exklusives Ereignisfeld. Doch irgendwann konnten wir uns nicht richtig entscheiden und es wurde Herbst. Und seit dem chartern wir in dieser Zeit.
Wir ziehen immer mal weiter zu anderen Segelrevieren. Dieses Jahr zeigt die Windrose auf die CoteDAzur. Eigentlich wollte ich nie wieder nach Frankreich gehen. Bei meinen unzähligen Segelereignissen und Urlauben in diesem Land, gingen mir die nicht enden wollenden Gesprächen über Diebstähle auf die Nerven. Als wir dann auch vor mehr als zehn Jahren in der Nordbretagne heftig bestohlen wurden, hat es sehr wehgetan. Ich war mit meinen beiden Töchtern unterwegs. Das Geld hatten sie nicht gefunden obwohl es offen da lag. Sie hatten uns komplett ausge- raubt, inklusive aller persönlichen Dinge.
Der Schwur, ,,nie wieder nach Frankreich", hat mich selbst geschmerzt, denn es ist doch ein sehr schönes Land.
Ich greife voraus, diese Reise hat mich wieder mit ihm versöhnt. Früher hatten wir an dieser Küste, oft das imposante Schauspiel verfolgen können, wenn ein dutzend Flugzeuge den ganzen Tag im Meer Wasser schöpften und auf die brennende Hügellandschaft ergossen. Böse Gerüchte besagten, das Feuer würde jedes Jahr von Bodenspekulanten gelegt. Wie dem auch sei, das Ergebnis ist eine nunmehr total zugebaute Küste. Es ist schon von See ein fataler Anblick, auf ein Haufwerk von Be- hausungen. Zum Glück sind die alten Städte im Kern noch wie immer.
Gefallen hat mir unser Charterschiff, eine Belize. Die letzten Male hatten wir größere Schiffe. Es möchte halt jeder seine Kabine haben. Dieses Mal waren wir nur zu viert und da passte alles. Die Belize hat mir nicht nur vom Design gefallen. Die technische Einrich- tung kam mir auch gut funktionell an. Werner erzählte beiläufig die Geschichte, dass eine vierköpfige Familie, in einem 8Meter Mono, auf der Ostsee, Urlaub gemacht hätte. Ihm war völlig unverständlich, wie das auf dem engen Raum möglich ist.
Unser erstes Ziel war Monaco. Mit etwas Glück, einer forschen Aktion und nicht zu- letzt durch die gute Laune des Hafenmeisters, ist es mir auch dieses Mal gelungen im alten Hafen unter zu kommen. Direkt am Kay beim Schwimmbad. Mit einem Schritt gelangten wir in die mondäne Welt, in der ein Porsche Carrera wie ein biederes Hartz4-Gefährt wirkt. Man fährt, wenn schon Porsche dann Cayenne. ansonsten Rolls Royce, Ferrari, Ma- serati, Aston Martin und Jaguar. Auch hier wurde wie wild gebaut. Die Behausungen im Steuerparadies sind aus kommerziellen Erwä- gungen zum Bienenstock mutiert.
Interessant ist, am Abend sind nur wenige Wohnungen beleuchtet. Gut so, dass vermutlich viele immigrierte Monegassen auch anderen Orts wohnen. Wenn alle da wären, würden wohl viele in der Menge ersticken.
Gegessen haben wir oft an Bord, um unsere Bordkasse zu schonen. Herbert hat sich auf dieser Reise nicht der Gefahr ausgesetzt, Kielgeholt zu werden und uns diese Woche vorzüglich bekocht. Die hervorragenden In- gredienzien der französischen Küche und die Getränke waren auch in Monaco zu erträgliche Preisen zu erwerben. Die Geschäfte im Land der Superreichen leben auch von Normalos, ohne die auch das Karussell Monace nicht läuft. Wenn man sich in den Kneipen und Kaf- fees auf Bier und Kaffee beschränkt, sind die Kosten in Monaco gut zu ertragen.
Liebus hatte am nächsten Tag Geburtstag. Er wünschte sich Frühstück in Monaco und Abendessen in St. Tropez. Nachts um 12 der Sekt hat geklappt. Frühstück hat auch ge- klappt. Und dann ablegen nach St. Tropez. ,,Wir wollen nicht motoren. Wir wollen se- geln." ,,Bei 7kn Wind gegen an, brauchen wir zwei Wochen bis zum Ziel." ,,Wir wollen aber". ,,Gut, Segel hoch!" Als der Tag zu Ende ging hatten wir eindrittel der Strecke geschafft und dümpelten vor einer hübschen einsamen Insel herum. Also Anker runter und den Rest des Tages genießen. Dann war da noch die Geburtstagsparty. Herbert stellt eine Flasche Rotwein auf den Tisch. ,,Das ist alles." Wir sitzen da und schauen mit vier Männern auf die Flasche. Nicht das wir Trun- kenbolde wären. Tagsüber herrscht an Bord Abstinenz. Mit Ausnahme von Herbert. Zum Kochen braucht der ein Glas, sonst wird das nichts. Doch am Abend steht uns schon ein männlicher Umtrunk zu.
Zu erwähnen wäre noch, dass uns die Fä- higkeit, richtig zu bunkern, nicht gegeben wurde. Wir machen in den Supermärkten eine Riesenwelle und kommen doch nur mit spär- licher Ausbeute heraus. Was regelmäßig zu Mangelerscheinungen führt.
Die verzweifelte Aktion auf der Insel etwas Trinkbares aufzutreiben lief ins Trockene. Alle Menschen der Insel fuhren abends mit der Fähre zum Festland. Darauf erging die Regel: Ankern außerhalb eines direkten Umkreises von Orten, mit mindestens Tausend Men- schen, ist strikt untersagt. Die Flasche blieb unangetastet. Dem Geburtstagskind wurde gut zugeredet, sich nicht von der Rah zu stürzen und gingen in die Kojen. Morgen in St. Tropez wird alles besser.
Mit frischem Wind ging's dann auch flott voran. Wir hatte sogar Zeit einen kleinen Schlenker über Port Gremaud zu machen und auf dem Marktplatz einen Kaffee zu trinken. In dem ehemaligen BritteBardotUndGun- terSachsDorf gab es dann erst mal Wiggel mit dem Hafenmeister. Der junge Karrieretyp mußte sich grad vor seinen drei granatenmäßi- gen Assistentinnen profilieren. Die Drei sahen mindestens so gut aus wie Claudia Schiffer mit schwarzem Haar und schwarzen Augen.
Abends im Restaurant, es war eins der oberen Creme, spielte sich die Zeremonie ab, blasiertes Kellnerpersonal möchte dumme deutsche Bou- ches vorführen. Das ist ja nun nichts, wovon sich alte Fahrensleute beeindrucken lassen. Schließlich wurden ihre Mannieren gefälliger. Der Abend war gut gelungen, mit gutem Essen, Wein und Stadtrundgang.
Der Verkehr an Passanten und Fahrzeugen, war noch grad in erträglichen Rahmen. Im August wird man dort wie auf dem Weihnachtsmarkt, die Strassen entlang geschoben. St.Tropez ist auch ein Ort für Maler. Der Kai des alten Hafens ist von Malern gesäumt, die ihre Bilder anbieten. Es ist wie eine große Ver- nissage. Wenn man sich oben auf der Zittadelle nieder lässt und über das Exfischerdorf und die Bucht schaut, wird man diese Ansicht eher als Gemälde denn als real wahrnehmen. Im Ort selbst gibt es eine Vielzahl von Galerien, in denen man sich in Ruhe Kunst antun kann. Auf dem Marktplatz wird immer noch von Menschen, die die Kunst des Müßiggangs beherrschen, Boule gespielt.
Ungeachtet des massiven Stroms von Autos, Motorrollern und Motorrädern, der an ihnen vorbei fluten. Die Südseite des Marktplatzes ist von Kaffees gesäumt. Da hat sich doch etwas geändert. Noch vor 15Jahren stand die Architektur der Gebäude im Vordergrund, in die Gasträume und Tische eingebracht waren. Heute, im Zeitalter der Gewinnoptimierung, baut man die Gebäude so, dass möglichst viele Tische zu stellen sind. Mann schreckt auch nicht davor zurück, an ein Gebäude, mit fast ehrwürdiger Historie, ein Zelt anzubauen. Es macht Sinn. Wenn die Touristenwelle hineinschwabt, wöl- ben sich die Wände wohlwollend nach außen.
Im Nachbarbecken lag eine recht große Flotte von Drachen. Sie hatte grad eine Regattawo- che. Schön zu sehen, wie die Jungs sich ohne Motor durch den Hafen laborierten. Diese Tugend haben ja alle motorlosen Binnen- schiffer drauf. Einer hat eine schöne Nummer geliefert. Er ist bis in den letzten Winkel des exklusiven Stadthafens gekreuzt und unter Spinnaker wieder raus.
Am nächsten Morgen wollten meine Jungs par tu nicht einsehen, das es ausschließlich dem Skipper zusteht, den ausgeliehenen Ka- beladapter zur Hafenmeisterei, zurück in die atemberaubenden, zarten Hände der Assis- tentinnen zu überbringen.
Auf der Rückreise haben wir noch in einem kleinen verschlafenen Hafen übernachtet. Zum Restaurant ging's dann den Berg hoch. Es war das Letzte, was noch geöffnet hatte. Wir bestellten das Tagesmenü. Es war die einzige Chance nochmal ohne Offenbarungs- eid heraus zu kommen. Was dann kam war von Anfang bis Ende eine Faszination. Auf der Zunge und unter dem Gaumen spielten sich wahre Orgien ab. So wünschen wir uns Froongkreisch.
Das Beste war Cannes. Wieder mit einer fre- chen Aktion den Hafen geentert. Eine freund- liche Angestellte im Hafenbüro gab uns den Segen und wir lagen am Kay gegenüber der Kneipenszene. Diese Stadt hat was. Da pul- siert das Leben. Wie muss es dann erst zuge- hen, während der Filmfestspiele. Diese Stadt hat alle Sorten Mensch: High Society, Beamte, Werker, Huren und Paradiesvögel.
Die best schillernden Gestalten waren ein japanischer Transvestit, der aufs Feinste als Geisha aufgebrezelt den Kay entlang trippelte. Und eine Kombination aus Cher Bono von heute und Brigitte Bardot mit 35, zog durch die Kneipenszene und suchte verzweifelt nach Gesprächspartnern. Wir hatten sie den ganzen Tag in unserem Umfeld. Ihr Outfit war etwas schrill. Gleichwohl gepflegt, edel und teuer. Sie gab uns den Anschein, der tra- gischen Gestalt einer alternden Diva, die ver- sucht aus ihrer Vereinsamung und Alterung auszubrechen. Schön zu beobachten, dass sie von anderen Menschen immer wieder geflis- sentlich und höflich angenommen wurde.
Wenn ich zu Hause über den Wochenmarkt gehe freue ich mich über die Darbietung der Waren und über die Verkäufer hinter den Verkaufsständen. Es hat etwas, gegenüber dem Sachkonsum, bei Aldi und Co. die Le- bensmittel direkt aus dem Karton zu nehmen und seinen Einkaufwagen voll zu raffen. Die Markthalle von Cannes hat mir ein völlig neues Lebensgefühl in dieser Sache vermit- telt. Den Besucher springt die Sauberkeit und Ordnung förmlich an. Es ist nicht nur die Halle mit ihren Ständen, dagegen sind die Markthallen von Barcelona und Athen finstere Höhlen. Es ist viel mehr die Art der Darbietung. Die Verkäufer vermitteln dem Kunden mit Stolz, ihre Produkte von hohem Wert, anzubieten. Die Äpfel, Birnen, Kartof- feln, die typisch ,,Französischen Schweine- reien" und Zwiebeln, ich habe zum ersten Mal geschälte Zwiebeln auf einem Markt gesehen, sind nicht nur blank sauber. Sie sind auf den Ständen, nicht drapiert. Es ist eher wie ein Uhrenverkäufer seine Diamanten be- währten Rolex in sein Schaufenster dekoriert. Ich kann mir vorstellen, dass die berühmt gute Französische Küche hier beginnt. Der Verkäufer vermittelt, seine Frucht oder Ge- müse selbst veredelt, gehegt und gepflegt zu haben und diese nun mit Freuden, dem Kun- den, der sie achtet und meisterlich zu Speisen verarbeitet, zu überlassen.
Beachtenswert ist auch die kleine Gasse, die zur alten Festungskirche hinauf führt. Sie stellt sich nicht dar, wie ein Touristen- trampelpfad zu einer Sehenswürdigkeit, der gesäumt ist von Menschen, die irgendetwas feilbieten und zu überhöhten Preise an den Mann bringen wollen. Es ist mehr eine Fortsetzung der Hafenszene wo sich kleine, individuelle Restaurants angesiedelt haben. Dort gelingt es auch, sich als Gast zu fühlen und von erfahrenen Wirten und Bedienungen angenommen und beraten zu werden. Der Gegensatz dazu sind die begehrten Fastfood- gebäude in denen Studenten und Mädelchen, für vier Euro die Stunde, die frittierten Nah- rungsmittel zu den Tischen tragen.
Seit die Amerikanerin Elizabeth Meyer, alte J- Boats, ehemalige Amerikacupper, aus einem Schiffsfriedhof gegraben und hervorragend restauriert hat, scheint eine Welle von histo- rischen Seglern an die Oberfläche gekommen zu sein. Cannes und auch St.Tropez haben in Ihren Häfen viele schöne Exemplare zu bie- ten. Es ist eine Freude, die eleganten Linien und Details in Holz und Messing zu bewun- dern. Ich stelle mir immer wieder die Frage, ob ich denn auf so einem Teil segeln möchte? Die Bedienung wird harte Knochenarbeit sein, wenn nicht alles auf Elektromechanik umgebaut ist.
Zurück in Antibes, dem Heimathafen unseres Katamarans haben wir ein Lehrbeispiel von flexibler Lokalbehörde erlebt. Man hatte mit- ten auf einer Straße die immerhin ein Zubrin- ger zum Hafen ist, eine stationäre Markthalle errichtet. Es blieb nur noch ein schmaler Fahrwege für den Verkehr frei. Die angren- zenden Kneipen und Restaurants können, wenn kein Markt ist, Tische und Stühle raus stellen. So wurde eine Restaurant- und Bier- gartenlandschaft geschaffen, in der man sich wohl fühlen kann. Hinzugesellt haben sich Künstler, die Gemälde und Plastiken ausstel- len. Ein besonderer anheimelnder Effekt geht von der Beleuchtung aus. Sie wird von einer Kette aus herkömmlichen Glühbirnen aus Klarglas, mit ihrem differenten Licht gebildet, die durch die historische Stahlkonstruktion gewunden sind.
An dem Steg unseres Charterschiffes lag ein 8-Meter-Mono. Darin war eine Mutter mit ihren fünf Kindern. Die Orgelpfeifenreihe ging von zehn Jahre bis grad aus den Pam- pers raus. Kinder wie Mutter hatten eine wilde strohblonde, rückenlange Mähne. Es war eine Freude, dem lebhaften Treiben zu- zuschauen. Sie krabbelten ohne Schutzhelm und Schwimmweste auf dem seerelingfreien Boot und dem Steg herum. Wenn es vom Steg zum Boot hin und her ging, wurde die Zwei- jährige vom Sechsjährigen hinüber gehoben. Die fröhliche Bande war frei und scheinbar unbeaufsichtigt. Die Erwachsenen waren anwesend aber beschäftigt. Die Anwesenheit der Erwachsenen gibt ihnen Sicherheit für ein unbeschwertes, eigenständiges Dasein. Ich denke, mindestens die Jüngste konnte nicht Schwimmen. Ich bin mir aber sicher, dass sie nicht ins Wasser fällt.
Der Älteste war stolz drüben auf dem Nach- barsteg zu sein, wo ein langbärtiger Ausstei- ger und ein uniformierter Bootsmann einer Luxusmotorjacht ein undefinierbares Gerät zusammenbauten. Der Zweite der Orgelpfei- fen nutze die günstige Gelegenheit, als seine drei kleinen Schwestern für sich spielten, um auch auf den Nachbarsteg zu rennen. Da flogen die Beinchen und es wehte die blonde Mähne. Dann ruderten die zwei noch in ei- nem Dingi herum.
Abends konnte wir vom Steg, einen verstoh- lenen Blick in das hell erleuchte Boot werfen und die Kinder glücklich um den Tisch her- umwuseln sehen.
Ein anderes Beispiel dieser Art. In diesem Jahr, in einem anderen Land, ankerten wir neben einer 35Meter Luxusjacht. Sie schützte uns vor Schwell und Wind. Oben war gele- gentlich ein zehnjähriger Junge zu sehen, der gelangweilt und angeödet seine Zeit vertrieb. Mal tauchte er für eine halbe Minute eine Angel ins Wasser, mal warf er einen Ball, der dann dienstbar von einem der uniformierten Angestellten aufgefangen wurde. Papi hat seiner Mannschaft wohl aufgetragen, ,,macht mit meinem Sohn mal ne Bootsfahrt."
Ich habe mal in einer Wissenschaftsshow aufgefangen, dass Kinder keine Größenun- terschiede erkennen können. Die Blonden des 8-Meterbootes werden später den Unterschied erkennen, wenn der Junge von der Motorjacht ihnen die Zunge raus- streckt, ,,mein Papa hat aber ein größeres Schiff als ihr." Das arme Würstchen von der Motorjacht muss das so sagen. Wer so auf- gewachsen ist wie die Blonden, dem macht das nichts. ,,Wenn ich groß bin, kaufe ich mir son Teil vom selbstverdienten Geld."


