Innovationen auf der EXPRESSE
Hansjörg Hennemann
Ich war im Herbst 2004 Claas Schwandts Einladung gefolgt und bin nach Elsfleth zu den Multihulltagen gen Norden gefahren. Dort angekommen, galt mein erster Blick den Mehrrumpfbooten, die am Schwimmsteg dümpelten. Ein Boot zog in ganz besonderem Maße meine Aufmerksamkeit an: die Expresse. Ein Kat, so um die 13 Meter Länge vielleicht, mit senkrechten Steven, leicht auf dem Wasser tänzelnd, keine Aufbauten (also: open-bridge-deck), drehbarer Flügelmast und Steckschwerter. Diese sechs Attribute sollen reichen, um den sportlichen Charakter dieses Tennant-MacColm-Entwurfs zu umreißen.
Ich hatte das Glück, die Geschwaderfahrt an Bord der Expresse erleben zu dürfen. Dabei sind mir zwei bootstechnische Details aufgefallen, über die ich gerne berichten möchte, weil sie nach meinem Empfinden zwei Eigenschaften aufweisen, die an Bord nicht immer in dieser Kombination anzutreffen sind: Klasse Idee gepaart mit prima Umsetzung!
Beiboot statt Trampolin
Die Zweier-Crew der Expresse hat lange Reisen im Sinn und hat sich deswegen für ein Schlauchboot mit festem Boden und einem 15-PS-starken Außenborder entschieden, um auf allen Ankerplätzen mobil zu sein. Klar war dem Skipper auch, dass es ihm möglich sein sollte dieses recht schwere Beiboot schnell und unkompliziert ins Wasser zu lassen und an Deck zu holen. Das Ergebnis der Überlegungen kann sich sehen lassen: Die Expresse hat neben der „Wohngondel“ zwei Trampoline. Eines davon wurde zum „Beibootparkplatz“ umgebaut. Mit Hilfe eines Alumastprofils, einiger Umlenkrollen, einer Trailerwinde, einer Aluleiter sowie viel Geduld und Tüftelei kann das relativ schwere Beiboot in Nullkommanichts abgelassen werden, dank der klappbaren Aluleiter kann das Dinghi bestiegen und können dann die Drahtseile ausgeklinkt werden: das Beiboot ist einsatzbereit! Der Clou dabei ist noch, dass die straff gespannte Persenning, die das Beiboot vor Sonne, Dreck und überkommendem Wasser schützen soll, immer an ihrem Platz bleibt, ohne dass Hand an sie gelegt werden muss - einfach genial das Ganze! Ich konnte mich in Elsfleth von der ausgereiften Konstruktion überzeugen und durfte die Gummisau mehrmals rauf und runter kurbeln. Es funktioniert! Ich kenne keine Kat-Eigner, der sich so eine pfiffige Lösung für sein motorisiertes Beiboot ersonnen hat.
Eine Winch am Mast reicht
Die Idee, mit möglichst wenigen Winchen am Mast auszukommen ist nicht neu. Dass die Expresse mit nur einer Winch für die Bedienung der Fallen, Reffleinen und Dirk auskommt und zusätzlich auch noch den Anker mit einundderselben Winch im Griff hat - das allerdings ist mir noch nirgends untergekommen! Auch in diesem Fall konnte ich mir während der kurzen Geschwaderfahrt ein Bild machen: Die Sache funktioniert! Eine großzügig dimensionierte Zwei-Gang-Winch neben dem Mast auf ein Podest montiert mit entsprechend vielen Umlenkrollen für Fallen sowie Reffleinen und die Sache läuft. Das Foto vermittelt einen Eindruck davon, dass die praktische Umsetzung der Ein-Winch-Idee sicherlich nicht an einem Tag erfunden wurde.
Mir ist bewusst, dass sowohl die Beiboot- als auch die Ein-Winch-Idee nicht auf alle Katamarane übertragbar sind. Und dennoch denke ich, dass beiden Lösungen zum Nachdenken und zum im-Geiste-Mitkonstruieren anregen könnten. Ich finde es schon toll, welche Lösungsansätze auf einem one-off in die Tat umgesetzt worden sind; davon kann so manche Katamaran-Werft nur träumen.
Mir ist auch klar, dass der Eigner noch nicht die Praxistauglichkeit seiner beiden Ideen vorweisen kann, denn die langen Reisen stehen erst noch an. Trotzdem haben mich beide Lösungsansätze auf Anhieb begeistert. Da ich nur zur Stippvisite an Bord der Expresse war, bitte ich darum, weiterführende Fragen direkt an den Skipper des Kats zu stellen. Wenn Hans Spenrath, Kimmimg 13, 25348 Glückstadt, nicht gerade mit seiner Expresse unterwegs ist, wird er sicherlich für einen Gedankenaustausch Zeit und Muße finden.
Ach ja, noch zwei Sätze zu meinem Eindruck auf der Expresse was das Segeln angeht: Ich hatte noch nie die Gelegenheit, so einen steifen Kat zu segeln, der nicht in der Wohnmobil-Liga der Catanas, Lagoons und Fountaine-Pajots, etc. spielt. Die demontierbaren Multis, die ich kenne, setzen den Winddruck einer Böe nicht so konsequent wie die Expresse in Speed um. Da hat nichts nachgegeben und da hat auch nichts geknarrt - da hat alles nur beschleunigt!
Datei:115 Beiboot unter Plane fmt.jpeg Datei:115 PlaneBeiboot fmt.jpeg Datei:115 Leiter - runtergeklappt hinter Beiboot fmt.jpeg

