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Multihullen in Irland

Das Skipperehepaar des 15m-Katamaran ATLANTIS hatte einige mehr oder minder ‚normale‘ Widrigkeiten zu meistern, bevor es die ersehnte Insel erreichte. Der Skipper berichtet:

Warum immer ich? Heute läßt du auch nichts aus! Ob alleine oder mit Gästen, manchmal ziehen solche Sätze mit leicht ironischem Grinsen durch meinen Leib, wenn Situationen auf dem Wasser nicht ganz so gelingen, wie es Phantasien in Hochglanz und Großformat versprechen. Ende Mai hatten wir Wismar verlassen, wo wir im Westhafen bei der Familie Deutschmann so gemütlich unseren Platz hatten. Die überschwemmte Wiese, wie die Ostsee liebevoll genannt wird, hatten wir zwei Jahre lang mit unserer ATLANTIS bereist, viel gesehen und Spaß gehabt. Das Revier ist fraglos gut, doch es zog uns weiter. Irland hatten wir auserkoren, jenes Land, an dessen Küste es – laut Vorurteil – wild und gefährlich sein sollte. Und wo bekamen wir den Sturm? In der Nordsee, wo wir gezwungen waren, auf Norderney Schutz zu suchen. In Cuxhaven sind wir los bei Windstille am späten Nachmittag wegen des ablaufenden Wassers. Dann kam der Wind, den wir erst noch begrüßten, wohl wissend, daß er zunehmen und über Süd nach West drehen würde. In der klatschenden dunklen See vor Norderney entschieden wir, nicht auf Biegen und Brechen weiter zu segeln. Der Wind war bei dreißig Knoten und ging immer mehr auf West. Morgens um vier Uhr duckten wir uns sicher an einer Spundwand im Hafen und waren froh, in aller Ruhe ein erstes Frühstück einzunehmen. Währenddessen fegte der Sand über uns hinweg, fast so wie von einem Sandstrahlgerät abgeschossen.

Durchs Wattenmeer fuhren wir ohne Probleme bei einem Tiefgang von siebzig Zentimetern weiter; es war noch Starkwind, und Strom stand gegen Wind, so daß wir in Texels Marina einliefen. Es war Wochenende. Uns folgten Yacht auf Yacht wie an einer Perlenschnur. Leider waren diese Perlen nicht alle lupenrein; es folgten zum Teil haarsträubende Hafenmanöver. Der Wind fegte einige Ankömmlinge in mißliche Situationen. Wir lagen am Steg und neben uns war nur wenig Wasser, begrenzt auf der anderen Seite von der hohen rostigen Wand eines Schwimmdocks. Fuhr man an uns vorbei, landete man in einer Sackgasse, Dalben auf der einen Seite und Land auf der anderen. Eigentlich nichts Besonderes, wäre da nicht ein manche Menschen hektisierender Wind gewesen. Wir halfen bei einigen ungewöhnlichen Manövern; ab und zu hörte man ärgerliche Schreie und sah Menschen, die noch nicht oder nicht mehr in der Lage waren, eine Leine aufzuschießen, geschweige denn herüber zu werfen. Das Ende der Sackgasse hatte sich innerhalb von drei Stunden mit Schiffen aufgefüllt und wir hatten bis dahin mit gezieltem Fendereinsatz die ATLANTIS und die Neuankömmlinge vor Bruch geschützt.

Dann kam ein kleiner Katamaran, ein junges Ehepaar; zwei kleine Kinder schauten neugierig aus dem Salonfenster. Wo sollte der Kat noch hin? Klar, die konnten bei uns festmachen und dann wäre eben alles dicht. Sicherlich, sie sahen erschöpft aus... Warum der Skipper versuchte, seinen Doppelrumpfer noch zu wenden, wird wohl immer ein Rätsel bleiben. Als die Bugspitzen in Richtung unserer Breitseite standen, merkte er, daß der Wind nicht eine gewohnte Drehung seines Schiffes zuließ. Ich hing bereits so weit außenbords wie möglich, um ihn abzuhalten. Dann jedoch gab er voll voraus, anstatt zurück. Er wollte es in einem Schwung schaffen, elegant, wenn es klappt. Rangieren wäre angebracht gewesen. Mit seinem widersinnigen Wagemut, der an Verzweiflung grenzte, endlich den rettenden Kontakt herzustellen, hatte ich nicht gerechnet. Es blieb mir nur noch, meine Hände, die den Druck nicht aushalten konnten, zu retten und hilflos mit anzusehen, wie sich eine der metallverstärkten Bugspitzen in unsere Flanke bohrte. Dumm gelaufen, wie bei so vielen an diesem Tag in der Marina.

Man sagt mir nach, zum Typus des gelassenen und langmütigen Menschen zu gehören. Doch als ich von des Skippers Frau dann mit einer vernichtend wegwerfenden Handbewegung zu hören bekam: ‚Nur Lack‘, schrie ich wenig fein, daß sie absoluten Mist gebaut hätten. Nichtsdestotrotz wurde der kleine Kat erst einmal von uns sicher vertäut. Wir schauten uns den Schaden an: Der Riß ging durch, wie man im Innern des Maschinenraums sehen konnte. Nach einer kurzen Entschuldigung des Skippers war ich schon wieder ruhiger. Wenn dem Schiff etwas passiert, so passiert es mir; es ist meine leibliche Erweiterung. Man spürt den Wind in den Segeln noch bevor man den Windanzeiger als Kontrolle zu Rate gezogen hat. Oder die verschiedenen Wellen, die, die es gut mit einem meinen beziehungsweise jene, welche einen beuteln wollen, erkennt man zuerst nicht analytisch sondern spürend. Es gibt eigenartige Wind- und Wellenphänomene, doch Menschen sind weitaus eigenartiger.

Am kommenden Morgen wären unsere Bootsnachbarn einfach weitergefahren, wenn ich nicht auf einer Regelung bestanden hätte.

Von Texel aus mußten wir nach Calais, weil wir einen Hund an Bord haben. Die neuen Einreisebedingungen für England (siehe: www.maff.gov.uk/animalh/quarantine/default.htm) erlaubten es erstmals, ohne sechsmonatige Quarantäne für das Haus- respektive Boottier einzureisen. Zu diesem Zweck mußte der Weg Calais – Dover gewählt werden und zwar mit der Fähre und nicht auf eigenen Kielen. Barbara hatte frühzeitig gebucht. Als sie mit Transportkiste und Hund in den Räumen der Fährgesellschaft stand, wurde ihr eröffnet, daß der Hund nur im Auto auf die Fähre käme. – Das sei die Vorschrift! Glücklicherweise hatte sie schon bezahlt und war somit im Recht, auf die Beförderung zu bestehen. Man fand eine geschmeidige Lösung, indem ein Angestellter der Fährlinie sie samt Hund im Auto auf die Überfahrt mitnahm. In Dover holte Barbara sich vom Zoll die formale Bestätigung der Hundeeinfuhr, ein kleines Papier, ohne das wir in Irland Schwierigkeiten bekommen hätten.

Meine Aufgabe war, die ATLANTIS hinterher zu schippern, eine Kleinigkeit von ein paar Meilen, wie man denken könnte. Aufgrund der Tide fuhr ich am Nachmittag raus und hatte – ruckzuck – nach einer Stunde zwei Seemeilen in Richtung Dover geschafft. Der Wind pfiff höhnisch und peitschte die See hoch. Durchgeschüttelt schlich ich zurück nach Calais. Die Wettervorhersage hatte was anderes versprochen. Diese Knüppelei wollte ich mir und dem Kat nicht antun. Der späte Nachmittag war griesegrau, als ich mehrere Anläufe brauchte, um das Schiff fest an eine der Moorings zu hängen, die vor dem Sperrtor der Marina verankert sind. Da ich nicht von den Öffnungszeiten des Locks abhängig sein wollte, schien ich da bestens aufgehoben. Telefonisch verständigte ich Barbara und wollte mir eine angenehme Nachtruhe gönnen. Daraus wurde leider nichts. Ich hatte die einzige Mooring genommen, die ausreichend Platz zu den anderen gewährte. Der Wind drehte den Katamaran in Richtung Fahrwasser, das ein paar Autofähren nutzten, um zum gegenüber liegenden Anleger zu gelangen. Nichts Aufregendes also, oder?! Als die erste Fähre ihr Heck nur einige Meter entfernt vom Heck der ATLANTIS durchdrehte, war mir überhaupt nicht mehr nach Schlafen zumute. Das lag weniger am durchdringenden Geräusch des Schraubenwassers als vielmehr am geringen Abstand. Legte ich meinen Kopf in den Nacken, konnte ich jenen Mann sehen, der auf dem Heck der Fähre über seine Handfunke den verbleibenden Abstand durchsagte. Sicherlich, die Berufsschiffer beherrschen ihre Stahlkolosse, aber wer weiß?! Am sympathischsten fand ich jenen Kapitän, der das Manöver mit Hilfe von Hafenschleppern durchführte. Alle fanden in mir einen sehr teilnehmenden Zuschauer. Über das weiße Rundumlicht, das ich ans Ende des Baums gebändselt hatte, haben sie vielleicht geschmunzelt.

Mit dem ersten Tageslicht verließ ich den unruhigen Platz und tuckerte unter Motor gegen den Wind, der inzwischen moderat war. Ans Segeln dachte ich nur kurzfristig, aber das Kreuzen hätte mir das vorschriftsmäßige Queren des Verkehrstrennungsgebietes verunmöglicht. Die Backbordmaschine jaulte etwas, weil sie wie auch immer Luft zog. Ein Mechaniker, den ich noch in Calais hinzugezogen hatte, hatte ebenso wenig wie ich gefunden. Aber bei zwei Inbordern war ich gelassen.

Mitten im Verkehrstrennungsgebiet (wo denn sonst?) nahm die Backbordmaschine Auszeit. ‚Ist ja gut, werde sie nachher entlüften‘, sagte ich mir, während ich damit beschäftigt war, die Großschiffahrt zu beobachten und ihr auszuweichen. Die Hoovercraft kam gerade angerauscht, als es einen unangenehmen Krach am Steuerbordheck gab und die Maschine abrupt stoppte. Das war der Moment, in dem ich sagte: ‚Warum immer ich? Heute läßt du auch nichts aus.‘ Ein Knäuel aus Kunststofftauwerk hatte sich in der Schraube verfangen. Der Seegang war noch zu hoch, um das Gewusel wegzuschneiden. Allzu leicht hätte ich unter das Heck kommen können, das angehoben wurde, um dann wieder aufs Wasser zu klatschen. Unter Hochdruck entlüftete ich die Backbordmaschine und verließ das Verkehrstrennungsgebiet mit langsamer Fahrt. Bei 2000 Umdrehungen zog die Maschine keine Luft. Im Schutz der englischen Küste konnte ich dann erleichtert in aller Ruhe und gut mit einer Sorgleine gesichert die Steuerbordschraube wieder frei bekommen.

Der Englische Kanal zeigte sich im besseren Wetter und so segelten wir bis Portsmouth. Der Name ATLANTIS im Funk ließ uns aufhorchen; man sprach über uns, ob unser Kurs wohl genau am Schießgebiet vorbei führe oder nicht. Die Überwacher waren mit uns zufrieden. In Portsmouth stiegen zwei liebe Gäste zu, die mit uns bereits durch die Biskaya gesegelt waren. Nachdem wir hinter der Isle of Wight vor Anker eine Sturmfront abgewartet hatten, sollte es bis Penzance oder zu den Scilly Inseln gehen. Aber solche Pläne sind immer relativ. Erst hatten wir noch Wind, der dann ausblieb, als der Nebel kam. Anfangs hofften wir, es sei nur eine Nebelbank von ein paar Meilen. Kurzum: Wir blieben 26 Stunden in der weißen Suppe.

Unter Radar tasteten wir uns vor; die Morseschaltung stand auf langsame Fahrt und die Maschinen liefen ruhig. Am Tage hatten wir maximal 50 Meter Sicht, die dann in der Nacht von der Dunkelheit restlos verschluckt wurde. Wir gaben Signal, wir horchten auf Signale und verfolgten aufmerksam die Angaben, die auf Kanal 16 gemacht wurden: In der Nähe war ein Unterseeboot, dessen Bekanntschaft wir nicht suchten. Der Kapitän eines Frachters aus Osteuropa hatte kein brauchbares Radar und bat nervös um Radarhilfe. Und dann war da noch ein Gespräch, das uns sehr beeindruckte. Der Kapitän höchstpersönlich eines Containerschiffs versuchte über Funk lange Zeit geduldig, ein Segelboot zu erreichen. Endlich bekam er Antwort. In größter Ruhe teilte er mit, er befände sich im Verkehrstrennungsgebiet vor Lands End. Es sei wohl bei dem dichten Nebel sehr schwierig, die Orientierung zu behalten, zumal sein Gesprächspartner, der Skipper des Segelboots, entgegen aller Regeln fahre. Die Maschinen des Containerschiffs seien nun gestoppt worden, um die Kollision zu verhindern. Das alles wurde sachlich und ohne jegliche Häme von diesem umsichtigen Kapitän gefunkt, der nicht auf sein Wegerecht pochte. Seine Freundlichkeit war entwaffnend.

Am Tage waren wir auf der Höhe von Falmouth und hatten zwischen 50 bis 100 Meter Sicht und ab und zu Nieselregen. Das machte keinen Spaß und wir liefen nach Falmouth ein unter Radar und genauestens mit GPS und Karte unsere Position verfolgend. Das durchdringende tiefe Dröhnen des Nebelhorns war zu hören, doch wir sahen keinen Leuchtturm. Wir hörten das Ufer, bevor wir es erspähten. Spät erst tauchte das hübsche Städtchen aus dem weißen Gewabere auf. Nebelfahrten gehören wahrlich nicht zu unseren Lieblingsveranstaltungen, doch in der Stille des Nebels zu segeln ist besonders, weil alle Geräusche sich scheinbar modifizieren, indem sie um so feiner wahrgenommen werden. ‚Jaa, ist nicht schlecht‘, hatte mir einmal ein Fischer gedehnt zugestanden und nach einer Pause langsamen Nachdenkens hinzugefügt: ‚Wenn nur nicht so viele Yachties ohne Radar und gutem Radarreflektor unterwegs wären.‘

Der Wetterbericht kündigte Ostwind an, der über Süd nach West drehen sollte. Die Stärke irgendwo zwischen vier und sechs. Das nächste Atlantiktief fingerte bereits etwas über den Atlantik und sollte in drei Tagen da sein. Die Gelegenheit wollten wir für unsere Überfahrt nach Irland nutzen. Die Scillys blieben von unserem Besuch verschont. Bei Lands End mußten wir reffen; der Kapeffekt bescherte uns kräftigen Wind und wir tanzten mit zehn Knoten über die weißgekrönten Wellen.

Es war ein schöner Tag. Am späten Nachmittag zogen wir den Blister hoch und ließen uns nach West-Nord-West in Richtung der untergehenden Bilderbuchsonne ziehen. In der Nacht änderte sich das Wetter: Der Blister war schon längst wieder eingeholt, als die Sterne hinter dicken Wolken verschwanden und Regenschauer niederprasselten. Die letzten achtzig Meilen bis Irland waren grau, naß, stürmisch und recht kühl. Der Wind war auf West gedreht; hoch am Wind kämpften wir uns unserem Zielort Glandore entgegen, der nur ein paar Meilen vom legendären Fastnet Rock entfernt ist. Es war zwar ungemütlich, aber alles im grünen Bereich. Abwechslung hatten wir, als wir die Fontänen zweier Wale sahen. Die anderen freuten sich: Die gewaltigen Tiere kamen uns entgegen. Doch keine 100 Meter entfernt änderten sie ihren Kurs und kamen direkt auf uns zu. Den einen schätzten wir auf zwölf bis fünfzehn Meter und mir war überhaupt nicht nach übergroßer Nähe zumute. Ich war drauf und dran, die Selbststeuerung abzuschalten, um eine schnelle Kurskorrektur vorzunehmen. Doch die Kolosse waren nur genauso neugierig wie wir, passierten uns im sicheren Abstand und verschwanden in unserem Kielwasser.

Irland empfing uns regnerisch und bescherte uns dann einen Segelsommer, der nicht hätte besser sein können. Wir hatten unseren Segelspaß und werden die nächsten Jahre in diesen Gewässern bleiben, die abwechslungsreich, imposant und überhaupt nicht langweilig sind. Wir freuen uns darauf, Irland rundum zu entdecken und dann Schottland und dann und dann …

Autor: Uwe Müller, Barbara Rumpf-Müller, Dromgownagh, Rosscarbery, Irland

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