rilpoint_mw113

Neulich, querab von Tonne 7 ...

Immer, wenn ich bei Tonne 7 vorbei segle, höre ich merkwürdige Geräusche. Vielleicht Geister? Liegt es daran, dass hier die Seebeerdigung von meinem Onkel, Ministerialdirigent Dr. Dräcker, stattfand? Hatte ich zuviel Bier, BSE oder einen im Tee? Ich hatte nicht am Daumen genuckelt, auch nicht wie Daum gekokselt. Meine beiden Psychiater attestierten mir beste geistige Verfassung, und mit der Senilität hätte ich noch zwei, drei Jahre Zeit.

Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

Also ließ ich in der Nähe den Anker fallen. Da war es wieder. Doch diesmal kamen die Geräusche näher, und neben meinem Boot tauchte etwas auf: Ein Pottwal, bitte weiß, wenn es geht? Eine Meerjungfrau? Der fliegende Holländer? Nein. Ein ganz gewöhnlicher, sprechender Seehund. Schade, ich hatte mich schon in den Schlagzeilen, bei Bild, Sat1 und Tagesthemen gesehen. Na ja, wir kamen ins Gespräch. Als Entschädigung für entgangene Sensation wurde ich durch den Intellekt des Tieres überrascht. Immer, wenn ein Multi vorbeikommt, guckt er sich diesen genau an und schwimmt eine Weile nebenher. Daher wohl die Geräusche. Sein Fachwissen über Multis verblüffte mich. Er beobachtet die Szene schon seit langem und erzählte mir von Sachen, die nur ein echter Insider wissen konnte.

So von folgender Begebenheit:

Es war Pfingsten 2000, da trafen sich zwei Iroquois auf Spiekeroog. Es wurde weise gesprochen, aber auch viel gehampelt. Wie es nun bei echten Männern so üblich ist, wurde geguckt, wer den Längsten hat. Es wurde nachgemessen, und siehe da: Der eine Mast ist einen halben Meter länger als der andere. Und das bei gleichen Booten. Zur Überraschung sind auch die Großsegel gleich geschnitten. Also schleppt der Eine 0,5 Meter nutzloses Alu im Masttopp mit sich herum. Man hätte dieses Stück grün tarnen und es als Pfingstbusch deklarieren können. Oder zu Weihnachten zusätzlich eine Lichterkette herumbinden, es wäre ein wunderschöner Weihnachtsbaum. Aber so enden, für alle ersichtlich, die Segel besagten halben Meter unter dem Topp. Was tun? Segel vergrößern? Alle Beschläge enden dort, man müsste also auch alle Wanten und Stagen austauschen. Absägen? Zu Schade.

Er könnte mit einem Iroquois von der Elbe tauschen. Dieser hat die Angewohnheit, mit seinem Mast zu angeln. Ja, er versucht tatsächlich, mit dem Masttopp die Schollen vom Grund zu picken.

Behauptet jedenfalls mein neuer Freund, der Seehund.

Bin gespannt, was er zu erzählen hat, wenn ich das nächste mal querab von Tonne 7 bin.

Autor: Christian F.Dräcker

Skin by RIL Partner