No rudder - no cry auf Patin a Velas
Jürgen Peter über Patin a Velas
Die Assoziation zu Bob Marley´s legendärem Song kam mir spontan. Zum einen, weil alle Probleme und Diskussionen um eines der wichtigsten Details an einem Segelboot, das Ruder, überflüssig wären, würde man darauf verzichten, zum anderen würden die Katamarane, die es tun, sehr gut zu den Palmenstränden Jamaikas passen. Ich hatte zunächst wirklich vermutet, sie seien dort entstanden, irgendeiner Überlieferung aus dem Pazifik entlehnt. Den Ursprung in Europa, in Spanien, in Katalonien zu finden war verblüffend. Die Vermutung, die Bezeichnung Katamaran könne sich von Katalan ableiten, ließ sich jedoch nicht belegen.
Am Strand von Barcelona muss es um die vorletzte Jahrhundertwende ziemlich grausige hergegangen sein. Müll und Abwässer müssen die Ufer derart verschandelt haben, dass man weit hinausrudern musste um klares Wasser zum Schwimmen zu erreichen. Für dieses Vergnügen bauten sich Schwimmer aus zwei Kufen und vier Trägern kleine Katamarane und wriggten damit Ihre Angebeteten hinaus aufs Meer. Barcelonaer Schwimmer waren es auch, die auf diese Gefährte Segel setzten und erfanden damit die Patin a Velas, Kufen und Segel. Die ersten hatten noch Ruder und Gaffelsegel, aber man fand schnell heraus, dass sie sich auch ohne solche steuern ließen. Sicher hatten auch sie die oben erwähnten Probleme, behoben diese aber deutlich radikaler als wir es tun. Das ist natürlich pure Spekulation.
Belegt ist, dass schon 1871 Regatten im Hafen von Barcelona Patin a Velas veranstaltet wurden. Sieger waren Club und Schiff, nicht der Segler! Nach den Modellen der Gebrüder Mongé entstand 1939 eine ruderlose Einheitsklasse. Nur vier Jahre später gründet sich die Nationale Vereinigung Patin a Vela und erlässt Statuten für den Bau und die Durchführung von Regatten. Die ersten Spanischen Meisterschaften finden 1944 statt, gestartet wird vom Strand aus! Sieben Jahre später wird die Internationale Sportliche Vereinigung der Eigentümer von Patin a Velas (A.D.I.P.A.V.) ins Leben gerufen, 1972 sogar ein Monument „al Patin a Vela“ am Flughafen von Barcelona für diese eigenwilligen Mehrrümpfer errichtet. Die bis heute gültige Einheitskonstruktion wurde 1986 von Antonio Soler und Ramon Huertas entwickelt. Die Klasse kann sich international jedoch nicht richtig durchsetzen. Katalonien bleibt bis heute mit etwa 600 Einheiten das Zentrum. Einige wenige Kufen mit Segeln kreuzen an der spanischen Atlantikküste und in Südamerika.
Patin a Velas sind 5,60m lang, 1,60m breit und tragen ein 11m2 Großsegel. Die Sperrholzrümpfe sind durch fünf Querträger aus Holz fest miteinander verbunden. Die Bordwände bilden die Lateralfläche und sind im hinteren Bereich recht hoch und verjüngen sich nach vorne deutlich. Hierin unterscheiden sie sich von allen Strandkats, von den sehr flachen Vorschiffen. Diese Formgebung ermöglicht es, den Lateralschwerpunkt durch Gewichtsverlagerung drastisch zu verschieben. Es mutet dann auch etwas gewöhnungsbedürftig an, wenn der Segler, um abzufallen, ganz nach
hinten zum Heck rutscht und um zu wenden auf dem Vorschiff steht. Für eine Halse muss er gar beide Füße in Lee ins Wasser halten. Unterstützen lassen sich diese Manöver durch Trimmen des Riggs. Sechs Kontrolleinen enden gut erreichbar auf einer Klemmenbank, dem „Piano“ in der Mitte des Bootes. Von weitem betrachtet segeln diese Katamarane nahezu gewöhnlich, lassen einen Rumpf fliegen wann immer es geht und setzen jede Bö in Speed um. Lediglich die extremen Sitzbzw. Stehpositionen lassen erkennen, dass hier doch etwas nicht mit normalen Dingen zugeht. Wenn in einer Halse dann einer nach dem anderen die Beine ins Wasser baumeln lässt kann man gewiss sein, sie haben keine Steuer.
Rund 12.000 Euro kostet ein Patin a Vela. Die allermeisten sind wirklich Schmuckstücke, Träger und Decks natur lackiert, die Rümpfe in kräftigen Farben, repräsentieren sie den Stolz Ihrer Eigner.
Dass ruderlose Katamarane kein Schwert besitzen und das Groß baumlos fahren versteht sich von selbst. Eine Konstruktion ist eben erst dann gut, wenn man nichts mehr weglassen kann.
Am Strand konnten wir uns dann diese einzigartigen Kats aus der Nähe ansehen und meine Tochter das erste mal ihre frischen Spanischkenntnisse an einem freundlichen älteren Herrn anbringen.
Dieser erzählte dann mit sichtlichem Stolz, dass man beweglich sein müsse, wenn man eine Patin a Vela segeln wolle. Man muss abwechselnd sitzen, stehen, von vorne nach achtern laufen und das auf einem kleinen Kat. Hier im Club Nautico de Barcelona segeln sie jede Woche. „Komm am Samstag und segel mit uns raus“.
Unter www.sapav.org gibt es interessante Videos zu sehen. info@FORMATsystem.de

