Reserveauftrieb
These-Antithese-Synthese oder Verschiedenes und Vermischtes von Dr. Thomas Neuber
Von B. Brecht soll der Satz stammen: ,, Es zählt zu den produktivsten Momenten, wenn Utopie und Erfahrung aufeinander treffen." Was auch immer er damit gemeint haben mag, es ist eine alte Wahrheit: ,,Das Bessere ist der Feind des Guten".
Die Diskussion um den Reserveauftrieb im Vorschiff eines Cat, scheint mir eine Diskussion zwischen Erfahrung und Theorie zu sein. Nichts dagegen einzuwenden, ein Boot schneller zu machen. Es sei doch bitte niemandem genommen, einen Tragflächen- Tri zu segeln, oder beim St. Malo/ St. Malo Race um Cap Horn mit 34 kn dabei zu sein. Mein Cat ,,Cigala", eine 30' Iroquois MkII ist einmal zu Pfingsten bei NW von Helgoland bis zur Schleuse von Brunsbüttel in 4 3/4 Std gesegelt, (musste zurück zu meinem Liegeplatz in Heiligenhafen) mit nachfolgendem Ruderbruch bei der darauf folgenden Reise. Auf dem Schwell am Großen Vogelsand surfte das Boot bis die Segel back standen; der Reserveauftrieb im Vorschiff erlaubte es. Ich war damals um vieles jünger und unerfahrener und bin noch heute froh, dass der Ruderbruch erst später passierte.
Bei einem früheren Törn mit der Cigala, kam ich unbedacht bei steifem Nordwind außen am Dovetief vor Norderney an. Bedingungen: Kurz nach Hochwasser, Wind gegen Strom und keine andere Alternative als durch. Bei beiden Törns lief mein Boot unter aufgebaumter Fock und mit Groß als Schmetterling.
Im Dovetief stiegen zwei Brecher von achtern ein, füllten das Cockpit und hoben das Heck an. Dabei war die Ruderwirkung im Schaum gleich Null, der Wind genau von achtern, platt vorm Laken und die Dreh-Schwerter hielten das Boot glücklich auf Kurs. Ich war froh über den Reserve-Auftrieb im Vorschiff, der den Kopfstand und Querschlagen verhinderte.
Die Standpauke vom Hafenobersten in Norderney war nicht so prickelnd: "Mit so'nem Spielzeug habe man im Dovetief nix zu suchen." Dies nur als kleiner Beitrag zum Argument: ,,Küstenkreuzer der Kategorie C; küstennahe Gewässer, Wind bis einschließlich bf. 6 ... ,, Wellen Höhe? ... kommt erstens manchmal anders und zweitens als man denkt und damit muss man rechnen.
Die Aufforderung: ,,doch mal über den Tellerrand hinaus zu schauen"klingt in meinen Ohren etwas vermessen. Frage: Wie groß darf der Tellerrand denn sein?
Vielleicht ist es an dieser Stelle erlaubt, etwas geschichtliches in Erinnerung zu rufen. Es gab in einer für Mehrrumpf Segler rauen Zeit eine Handvoll ,,potentieller Selbstmörder", wie man sie damals nannte. (Ein Yachtredakteur namens Strepp hatte einen Cat auf dem Isselmeer umgekippt und war zornig; meinem Freund Ode passierte es in der Ostsee. Ich konnte meine Cigala extrem preiswert in Bremen von einem Mitglied des Weser Yacht Clubs, veritabler Segler und wohlhabender Kaufmann seines Zeichens, erwerben. Man hatte ihn wissen lassen, seine Clubmitgliedschaft sein in Gefahr, falls er sich nicht von seinem Cat trenne. Bei einem munteren Umtrunk in Lesumbrok entfernten sich die Seg- ler-Trinkgenossen abrupt von meiner Seite, als ich bekannte: mein Boot sei ein Cat.
Dieses Häuflein von Aufrechtseglern, traf sich am Rande der Hamburger Bootschau, und beschloss eine lose Vereinigung zum Austausch von Erfahrungen zu gründen. Später bei einem Jahrestreffen in Düsseldorf beharrte ich hartnäckig den Namen ,,Multihull Deutschland" zu wählen, weil mir eine rein deutsche Benennung etwas kleinkariert vorkam.
Bei einem späteren Treffen in Berlin besuchten die Freunde eine für das Treffen organisierte Präsentation von Südsee Multis im Völkerkunde Museum Dahlem. Die Blickrichtung war damals tausend Jahre rückwärts vom Tellerrand.
Die besten neuzeitigen Catamarane sah ich auf Sint Maarten. Peter Spronk's Nachfolger sowie die Franzosen auf der Nordseite der Insel bauen Boote, die alljährlich bei der Heinecken Woche vor Ostern um die Insel segeln, und dabei heraus finden, wer der schnellste ist. (Nichts dergleichen findet man auf einer Bootschau oder in einem Magazin. Alle haben Reserveauftrieb im Vorschiff).
Sint Maarten ist eine Fundgrube für Ideen und Details. Ich ziehe solche Blicke über den Tellerrand einem Artikel aus der ,,Welt" vor! ,,So viele Schiffsentwickler können gar nicht irren!": Es schein mir, als ob hier jemand versucht, das Schießpulver erneut zu erfinden. Na viel Erfolg dabei!
Bei der Argumentation um den Reserveauftrieb fällt es mir schwer, zu verstehen, warum das Design des MC-800 nicht geändert werden kann. Eine formschöne Verbreiterung des Vorschiffs oberhalb der WL, beeinflußt doch die vielleicht guten Segeleigenschaften nicht.
Eine kleine Anmerkung zum Thema Speed. Speed ist berauschend!
Ein Boot, ob erworben oder selbst gebaut, ist eine Sache, die doch wohl eine Weile halten sollte.
Speed ist auch zerstörend, denn Wellen werden in der zweiten Potenz härter, je schneller man segelt.
Einige bekannte Serienboote, so formschön sie sind, sah ich auf meiner Reise wieder, in einem jammervollen Zustand.
,,Weichgesegelt" nennt man das wohl. Auf den Strand trocken fallen, ist nicht möglich. Bobby Schenk umschrieb es dezent: ,,Das moderne Unterwasserschiff erlaubt es nicht ...". Sein Boot stand in Malaysia nicht auf den Kielen sondern auf mehreren Stützen. Ich sah solche auf Styroporrollen gelagert mit eingedrücktem Boden. Wer wünscht sich schon so was für sein Geld?
Nichts für ungut, ein bisschen Spaß muß sein!

