Ruder umbauen
Profilneurose durch Ventilation beim Dragonfly 800 Mk II und die Abhilfe
Das Problem und die Theorie dazu:Immer wenn das Trisegeln besonders viel Spaß macht, nämlich in Bereichen von 13 kn plus, hatten wir mit der „Svala“, einer Dragonfly 800 Mk II; ein gravierendes Problem: Strömungsabrisse am Ruder - in Surferkreisen auch Spin Out genannt und seit dem letzten Mehrrumpfboten als Ventilation bekannt. Das Boot wird unsteuerbar und luvt stark an.. Man muß die Großschot auffieren um so langsam zu werden, bis das Ruder wieder „greift“- sich die Strömung also wieder laminar anlegt . Danach geht das ganze Spiel von vorne los: Großschot wieder dicht, Speed aufnehmen, juuchuuuuuh und dann kommt auch schon bald der nächste Spin Out. Um das Problem zu analysieren setze ich mich ins Niedergangsschot und beobachte den Steuermann und seine Pinne bei der Arbeit. Dabei fällt mir auf, daß der Steuermann schon bei 8 bis 10 kn die Pinne ganz schön ziehen muß (ca 10° bis 15°), um den Tri auf Kurs zu halten. Daraus folgere ich: Das Ruder ist zu klein um das Boot mit einem kleinen Ruderwinkel auf Kurs zu halten. Ein großer Winkel aber fördert den Spin Out und vergrößert außerdem den Wiederstand des Ruderblattes. Man muß sich den ganzen Vorgang einmal bildlich vorstellen: Das Boot segelt mit hoher Geschwindigkeit durch das Wasser. Im hinteren Teil des Schiffes entsteht durch Verwirbelungen ein Gemisch aus Wasser und Luft das am Heck als Schaumspur sichtbar wird und uns zu Jubelschreien hinreißt, zeigt sie doch mächtig hohe Geschwindigkeit an. Aber einer freut sich nicht mit uns, denn das Ruderblatt hat jetzt schwer zu kämpfen. Es versucht die Strömung an der Unterdruckseite anliegen zu lassen, was aufgrund der vielen Luft im Wasser sehr schwierig ist. Irgendwann geht es dann nicht mehr - die ganze Unterdruckseite des Ruderblattes ist voller Luft, die Strömung reißt ab, Spin Out ! Logischerweise saugt sich umso mehr Luft an, je größer der Anstellwinkel ist, das Ruder quersteht. Würde man das Ruder vergrößern, käme man mit kleineren Ruderwinkeln aus.
Später in der Werkstatt muß ich dann noch feststellen, daß das schöne NACA 0012 Profil in den unteren 15 cm nicht mehr vorhanden ist, es weist nur noch eine gleichmäßige Rundung mit der dicksten Stelle in der Mitte auf. Daß Ruder ist effektiv also noch kleiner.
Von der Theorie zur Praxis: Nach reiflicher Überlegung beschließen wir folgende Modifikationen: Der Rudertiefgang wird um 10 cm vergrößert, daß Profil bis zur Spitze ausgeführt und die Seitenansicht etwas verändert um mehr Ruderfläche und damit Steuerkraft im unteren Teil zu erzeugen.
Ab in die Werkstatt: Zuerst wird das gesamte Ruderblatt vom Antifouling befreit und gründlich angeschliffen. Vom unteren Drittel wird eine Pappschablone angefertigt, darauf der neue Umriß des Ruders grob aufgezeichnet und auf eine 6 mm Sperrholzplatte übertragen. Das Ganze wird ausgesägt und an das Ruder angepasst. Ich habe die Vergrößerung vornehmlich an der Vorderkante konzentriert um die Vorbalancierung möglichst wenig zu beeinflussen (Ruderdruck). Dadurch ergibt sich an der Hinterkante ein leichter Knick in der Seitenansicht. Mit einer Mischung aus Epoxid und Microbaloons wird diese Basis an das Ruder angeklebt. Nach dem Aushärten folgt das endgültige Ausstraaken der Seitenansicht. Fünf cm breite UD Kohlefaserstreifen von 230 g/qm werden so auflaminiert, daß sich bei etwa 35 % der Profiltiefe eine deutlicheVerdickung abzeichnet. Noch vor dem Äushärten des Harzes kommt eine dicke Schicht aus Epoxi und Microbaloons über das Laminat um einen optimalenVerbund zu erhalten und um genug Materialdicke zum Schleifen zu haben. Die zweite Seite wird genauso laminiert. Die gesamte Abrisskante erhält eine etwa 3 mm dicke Raupe aus der gleichen Spachtelmischung. Danach macht man sich mit Schleifbrett und Exenterschleifer daran ein gleichmäßiges Profil herauszuarbeiten, wobei man mit dem Brett einen harmonischen Übergang vom Original zum „Fortsatz“ erzeugt und den Exenter nur dort einsetzt, wo man sich sicher ist, daß viel Material weg muß. Wer perfekt sein möchte fertigt sich zwei bis drei Profilschablonen für die jeweiligen Profilbreiten an. Ich halte dies nicht für nötig. Wenn man dem Originalprofil beim Schleifen folgt und die dickste Stelle bei 35% mit einem Filzstift markiert, bekommt man ein schönes gleichmäßiges Profil, daß man mit einem angelegten Lineal kontrolliert. Zum Abschluß wird die noch rechtwinkelige Vorderkante gerundet und ein 30° Winkel in die Abrisskante geschliffen, damit das Ruder nicht brummt. Zwei Lagen Epoxi schützen das ganze vor Feuchtigkeit.
Abschließend streicht man zwei Lagen Antifouling ohne Farbnasen und schleift das Ganze mit 400er Schleifpapier ganz glatt. Fertig!!
Raus aus der Werkstatt und ab auf´s Wasser. Es steht noch die Frage im Raum: Lohnt sich der etwa 18 stündige Aufwand? Eindeutig JA ! Svala segelt jetzt bis zu 17 kn Spin Out frei, darüber treten Strömungsabrisse nur noch vereinzelt auf. Das Boot ist erheblich schneller und liegt besser auf dem Ruder. Doch eine Überraschung kommt noch: Durch die große Ruderfläche wendet unsere Dragonfly jetzt ohne Backhalten der Fock und es ist auch nicht mehr nötig das Großsegel nach der Wende zu fieren, um das in den Wind luven direkt nach der Wende zu vermeiden. Wir retten jetzt immer viel Geschwindigkeit auf den neuen Bug, und haben immer Ruder im Schiff.
Noch Fragen? Telefon (04421) 28142
Autor: Michel Fedisch, Wilhelmshaven


