Starkwinderfahrungen mit ANNA
Dr. Thomas Neuber
Hallo, liebe Freunde des flotten Aufrechtsegelns, im letzten Boten las ich den stolzen Hinweis, dass auf der Hanseboot 2008 zum ersten Mal ein Multihull-Forum stattfindet. Das ist sehr erfreulich aber nur bedingt richtig, denn auf der Hamburger Boots-Ausstellung 1976 trafen sich eine Handvoll Aufrechtsegler, damals noch allgemein als potentielle Selbstmörder verunglimpft, zu einem formlosen Treffen in einem Restaurant zum „ersten Multihull Forum“ in HH.
Dabei entstand unser Verein. Zugegeben, es ging damals nicht sehr professionell zu. Wir waren alles unheilbare Individualisten, an Kommerz dachte kaum einer, ehrlich!!! Das stimmt vielleicht nicht ganz, denn mein Freund Krafft von Dellmensingen war der Repräsentant der englischen Catwerft „Sailcraft“, von der meine Iroquois stammte, und er hätte mir zu gerne eine Apache verkauft. Er, ein venerabler Gentleman und wilder Cat-Segler, der durch seine Starkwind-Törns und Vorschläge von sich reden machte, wie nach Kentern eines Cats, dieser wieder mit Bordmitteln aufgerichtet werden könne. Ich glaube nicht, dass eine seiner Ideen jemals in der Praxis angewendet zum Erfolg geführt hat, aber in dieser Zeit dürfte wohl jeder von uns die Möglichkeit des Kenterns mal erwogen, bzw. darüber nachgedacht haben. Vielleicht ist das auch heute noch so, aber wenig dazu ist im „Boten“ zu lesen. Bei Diskussionen im kleinen Kreis entstanden damals Berechnung-Modelle. So z.B.: Segel- Schwerpunkt Höhe als ein Hebel Arm, halbe Catbreite und daran das halbe Catgewicht als aufrichtende Kraft.
Ein Cat in Fahrt mit einem Rumpf gerade aus dem Wasser hat danach das gleiche aufrichtende Moment wie eine Kielyacht flach auf dem Wasser mit seinem Ballast-Schwerpunkt am Ende des Kiels(!) mit einer Kiellänge der halben Breite des genannten Cats. Die Werte sind beeindruckend und beruhigend, wenn nicht ... ?! Auf der Rückreise von IMM Stavern war ein Kielboot-Segler am Rad, als wir Anholt passierten. Strahlend blauer Himmel, 17-20kn raumschots: Segeln mit großem Löffel. Man konnte Wasserschi im Schlepp laufen, als eine Böe mit 38kn querab einfiel und den Luvrumpf aus dem Wasser hob. Ich befand mich unter Deck und hörte plötzlich keine Wassergeräusche mehr, dafür das Knacken der Genoaschot auf der Winsch. Sofort an Deck riss ich die Schot von der Winsch, wobei der Rumpf klatschend wieder ins Wasser sank. Die Bedingungen waren optimal, keine Welle nur Wind. In den 20 Jahren meiner Reise von Berlin nach Asien, habe ich ähnliche Bedingungen aber mit Wellen erlebt. Und davon soll nachfolgend die Rede sein.
In Falmouth trafen sich vor meiner Biskaya Überquerung verschiedene Yachties, machten sich gegenseitig Mut und tauschten Wetter Informationen aus. Verglichen mit heute ein steinzeitliches Unterfangen.
BBC 4 als Langwellensender brachte Wetter- Prognosen für die Biskaya, nur stimmten sie selten. Jeden Tag wurden Zeitungen gekauft, um die Wetterseite zu studieren.
Der erste von vier Tagen brachte schwachen Wind, also Motorsegeln. Nach 48 Std. frischte es auf und wurde immer mehr. Hohe regelmäßige Wellen bauten sich auf, die nicht selten brachen. Die Fahrt mit gerefften Segeln raumschot die Wellenberge hinab waren berauschend. Den Wellenberg hinauf und am Kamm wie aus einer Sprungschanze.
BBC 4 sagte, es solle weniger werden, also kein Grund zu Aufregung. Wurde es aber nicht, eher mehr im Schnitt um 40kn. Es wurde dunkel und zu hören waren nur die Brecher von hinten oder vor dem Kurs.
Bis heute meine gruseligste Segelerfahrung. Ähnliches passierte Jahre danach nördlich der ITCC auf der Reise von Mexiko zu den Marquesas nach einer harmlosen Regenwand. Ich nahm alle Segel runter und lief „bare pool“ ab, lange Leinen nachschleppend, um den Kurs zu stabilisieren. Im Morgengrauen tauchte allerdings ein Trawler mit Schleppnetz quer vor mir auf, um hinter dem vorbei zu laufen, war auch eine gehörige Portion Glück nötig. Damals in der Karibik angekommen, hatte ich sogleich meine erste Hurrikan-Erfahrung. In St. Thomas, USVI, konnte ich die Verwüstungen von „Hugo“ begutachten. Beton-Stege waren wie Streichhölzer in Stücke gebrochen, Yachten lagen wie vergessenes Spielzeug an Land.
In der Simpson-Lagune von Sint Maarten ankernd stellte sich der Hurrikane „Gustav“ und „Klaus“ ein und passierte im Abstand von etwa 50sm nachts. Am kommenden Morgen wunderte ich mich nur über die ungewohnte Windrichtung.
50sm vom Zentrum an einem von Wellen geschützten Ankerplatz: und alles ist ein Schauspiel mit Logensitz. Die gröbste Gefahr dabei sind andere Boote mit unzulänglichem Ankergeschirr. Auf der Reise von Curacao nach Haiti und Kuba früh in der Saison segelte ich mit kleiner Besegelung unter AP vor einer großen Kielyacht, die auf dem Radarschirm gut zu erkennen war.
Am frühen Nachmittag kam Gewitter und Regen auf, der Wind nahm rasend schnell zu, die Sicht wurde so schlecht, daß ich nur noch mit Taucherbrille etwa 25-50 m sehen konnte. Ich fürchtete den ersten Hurrikane der Saison erwischt zu haben. Den Windmesser bei 90kn im Anschlag dachte ich: das ist das Ende. Der Barograph zeigte aber nach etwa 2 Std. keine Vertiefung und der Spuk war vorbei; es war nur eine „tropical wave“. Und wieder mal kaum Welle.
Einige Meilen vor Guantanamo flog ein Helikopter über das Boot und fragte, ob ich „Mayday“ abgesetzt habe. Hatte ich nicht, mein Radio war nämlich tot, wohl aber die Yacht hinter mir, die nicht mehr auf dem Radarschirm zu finden war. Wegen völlig durchnässtem Dynastarter meines Volvo, flacher Batterie und weggeflogener UKW-Antenne steuerte ich Guantanamo an, wo alles wieder gerichtet wurde.
Meine Begegnung mit dem Typhoon „NanMadol“ brauche ich nicht erneut zu schildern. Der Wind beindruckte mich nicht mehr besonders, obwohl es vielleicht auch 90kn waren, aber die Wellen bzw. Kreuzseen schon. Der heimtückischste Schaden danach war das zur Hälfte gebrochene Vorstag am Topbeschlag. Die Roll- Genoa herunter gefallen, wäre nicht besonders komisch gewesen.
Seit der Zeit des Wetterberichts von BBC4 bis heute hat sich entscheidendes auf diesem Gebiet getan. Hat man in Küstennähe Internet, so ist www.windfinder.com weltweit eine zuverlässige Informationsquelle. Auf See gibt es gute Wetterfaxstationen; man kann aber auch mit Spezialantenne und Empfänger sogenannte LOS empfangen. Das sind Satelliten, die über die Pole die Erde umkreisen und ständig Bilder mit hoher Auflösung senden. Da die Passage nur kurz ist, wird der Durchgang mit einem Spezialprogramm vorher berechnet. Die Bilder sind natürlich ohne Koordinaten, die ebenfalls durch das Programm berechnet werden. Solche Bilder sind eine große Hilfe, wenn die anderen Satpics nicht gut sind, besonders um die Laufbahn eines Wirbelsturms zweifelsfrei zu beurteilen. Gegenüber Zweithand-Wetterinfos von sogenannten Wetter-Gurus bin ich skeptisch. Gute Wetter-Information und ausreichender Seeraum, um gegebenenfalls abzulaufen, halte ich für die beste Methode bei schwerem Wetter. Gute Wetter-Informationen und ein Hurrikan- Loch als Ankerplatz sind meiner Meinung die beste Versicherung, schweres Wetter Küstennah gut zu überstehen. Gibt es kein solches Loch, sollte man rechtzeitig offene See aufsuchen und versuchen in Richtung Äquator zu segeln. Fast alle Wirbelstürme bewegen sich vom Äquator weg. Zweimal erlebte ich aber, daß dies nicht zutraf und das System mehrere Tage sich verstärkend dem Äquator näherte. Ein für mich nicht verständliches Schiffsunglück auf den Philippinen beweist, was passiert, wenn man Informationen missachtet.
Eine große Fähre, mir gut bekannt, in Norwegen gebaut mit allen Rettungsmitteln ausgerüstet, Reisespeed etwa 20 kn, läuft mit Erlaubnis der Coastguard direkt in das Zentrum eines Typhoons mit mehr als 100 kn Wind. An einer engen Inselpassage fällt ein Schaft aus, das Schiff kentert und ca. 800 Menschen finden den Tod.
Nach einem erlittenen Überfall nahe Caracas vor mehr als 10 Jahren mit Halswirbelbruch und anderen Verletzungen hatte sich mein länger bestehendes Rückenleiden langsam verschlechtert. Vor einem Jahr ließ ich mich deswegen operieren und bin seitdem nicht mehr mit Anna gesegelt. Sie liegt mit meinem Hobie16 an einem Bamboo-Steg, und ich verbringe meine Zeit mehr an Land in einem Bamboohaus mitten in den Mangroven. Von dort grüße ich alle, die mich kennen und wünsche ein wunderschönes Weihnachtsfest und das Bestmögliche für 2009. Wie immer Thomas
Thomas über ANNA
ANNA wurde 1975 aus der Konkursmasse der
ersten Proud-Pleite gebaut. Das war, bevor der
erste Quasar gebaut wurde. Die GfK-Rümpfe
sind 45' lang und wurden in der Uni Southhampton
im Floatingtank entwickelt. Sie wurden nie
verändert, nur verkleinert für Snowgoose, etc..
Das Heck war aus mir nicht bekannten Gründen
abgeschnitten negativ. Noch bevor die erste Quasar
gebaut war, habe ich auf dem Watt von Sylt
an beide Enden einen „Spoiler“ aus Balsasandwich
angebracht, den ich später ausschäumte
und mit einem Deckel versah. Dadurch entstand
die Verlängerung auf WL 45', LOA etwa 50'.Die
Brücke ist aus Holz wie beim Ocean Ranger 45'
aber offen wie beim Shearwater-Cat. Die Blaupause
von den Prouts habe ich noch. Ein Bootsbauer,
der 1974 pleite gegangenen Werft hat sie
gebaut.
Die Prout Quasar war die Folge Version mit GfKBrücke und einer bis an die Oberkante gezogene Heckverlängerung. Ursprünglich hatte „Polly Anna“ Spaten-Ruder, wog etwa 3 tons und war entsprechend flott. Beim Crystal Race brach der Babystag-Beschlag, der Mast brach an der Saling. Ein 25HP-Superlangschaft Johnson wurde später durch einen Volvo Penta Z-Drive mit MD2B ersetzt. Die Ruder bekamen Skegs.
In dieser Form mit repariertem Mast bekam ich 1977 das Boot. Auf der Fahrt zurück vom IMM in Bogense ist ANNA mehrfach 25kn gelaufen, bei Ankunft in Heiligenhafen hatten wir einen Schnitt von 13,7 kn geloggt. Crew: meine Kinder (6-11 J.) und ich. Auf der Fahrt zurück von IMM in Stavern vor Anholt war ein Einrumpf-Yachtie am Rad; ich befand mich am Navigationstisch, als ANNA in einer 38 kn Böe das Bein hob. Mit danach 2. Reff und Fock 2 erreichten wir Skagen mit einem Schnitt von 15kn. Seit dem Ausbau wiegt ANNA mit Beladung 9 tons und ist nun sehr viel zahmer.

