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Vom Haff nach Mainz - die Ankunft

Vom Haff nach Mainz
Gerd Holthausen beschreibt die Ankunft

Die Kinder finden das Schiff sofort ganz toll, und selbst Wiebke lobt die ,,für einen Kat schönen Linien" und daß er nicht so wuchtig wirke. Genau das waren zwei entscheidende Gründe, weshalb ich mich für diesen Format-Katamaran entschied: Seine schöne Linie und seine Leichtigkeit, das genaue Gegenteil der Raumwunder, mit denen vergleichbare 11-Meter-Kats auf den Bootsmessen prassen.

Tags darauf, Ostermontag, geht um zwanzig nach fünf der Wecker. Wieder bin ich im Schlepp der ALSLEBEN, jetzt im Dortmund-Ems-Kanal. Klarer Himmel, eisiger Nordwestwind, Atemhauch ­ mit dem Wetter habe ich großes Glück. Kalt kann es ruhig sein, aber Regen wäre schwierig. Wenn es wirklich pladderte, hätte ich schnell Wasser in den Rümpfen, denn an den Niedergän- gen fehlen noch die Abweiser. Die Sonne steigt am blaßblauen Himmel hoch. Ich hoffe auf ihre Wärme. Die Vögel zwitschern. Auch das genieße ich am Schlepp, die Ruhe auf dem Schiff. Nur das Wasser rauscht unter dem Dingideck und zerrt an den Außenbordern.

In der Schleuse Münster habe ich zu tun, mein Schiff zu halten. Ich darf es absolut keine Fahrt aufnehmen lassen. Zum Schluß ein wagemutiger Satz mit der Leine an Land zum Poller -­ die stehen etwas zu weit von der Schleusenwand fürs Drüberwerfen. Gaaanz langsam fährt die ALSLEBEN raus und übernimmt wieder die Schleppleine von mir. Der Kanal führt durch einen Park. Die Sonne wärmt jetzt am späten Vormittag, viele Leute genießen den Ostermontag draußen. Viertel vor vier: In Datteln ist endgültig Schleppende. Die ALSLEBEN geht nach Norden in den Weser-Datteln-Kanal. Wir winken uns herzlich zu, dann bin ich wieder mit eigener Motorkraft unterwegs.

Der Hafen des AMC Castrop-Rauxel ist die erste Marina dieser Fahrt. Ich treffe auf nette und neugierige Leute. Sie klettern an Bord, bestaunen den Platz, klopfen mit ihren Knöcheln an Bordwände und Schotts, loben die solide Bauqualität. Der Hafenmeister vom AMC meinte, auf den Rhein und mit dem Tampen winken sei das, was er kenne. Ich solle gleich einen Preis aushandeln, denn ,,die nehmen richtig Geld dafür". Ich bin nervös. Es ist viertel nach eins, noch zwei Schleusen und ich werde es wissen.

Eine riesige Schute mit Schieber kommt mir entgegen. Vor deren geraden, schräg ansteigenden Bug darf ich nicht geraten, der drückt einen glatt unter Wasser. In Gelsenkirche überrascht mich das Amphitheater am Kanalufer ­ neue Antike und altes Industriezeitalter, so nah beieinander. Die Autobahnbrücke am Stadthafen Essen donnert bei jedem LKW, der darüber fährt. Ein merkwürdiges Gefühl, da drunter her zu fahren.

Die letzten Schleusen machen es mir leicht:
Schwimmpoller, an denen man einfach fest macht und die mit einem an der Schleusenwand rauf- oder wie bei mir jetzt, runtergehen. Um halb vier bin ich im Duisburger Hafen und suche einen Schlepp.

Aber wie? Der Hafen wirkt geradezu ausgestor- ben auf mich, so wenig ist da los. Das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ein Tankschiffer klärt mich freundlich auf, sie dürften nicht mit Schleppanhang fahren, es sei verboten. Zwei, drei Güterschiffer kommen vorbei, winken aber ab. Soll ich mich auf den Rhein mit seiner Strömung rauswagen? Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das alleine hinkriegen soll, steuern und eine Schleppleine übernehmen. Es hilft nichts, hier im Hafenkanal werde ich versauern, ich muß raus! Mit viel Respekt und Spannung taste ich mich auf den Strom.

Der Rhein empfängt mich mit Niedrigwasser. Gut für mich, denke ich, das bedeutet geringe Strömung. Nach dem engen Kanal genieße ich den weiten Blick, die sanften Kurven, die Uferwiesen und den Sand.

Die ersten Schiffe überholen mich. Ich muß energisch Ruder legen, damit Kolibri in der Spur bleibt. Und dann der Thrill: Ein schnell fahrender Tanker überholt mich, und der Kat beginnt, auf dessen Bugwelle zu gleiten. Es dauert einen Moment, bis ich begreife, und dann hat es mich gepackt. Zwei, dreimal noch erwische ich einen Surf, der längste fast eine Minute. Ich bin baff und high ­ und denke, Mensch, hoffentlich kommst du beim Segeln mit diesem scharfen Teil klar.

Der Tampen versauert in meiner hochgereckten Hand. Manche Schiffer tun so, als sähen sie ihn nicht, andre schauen ostentativ weg, winken ab oder schütteln den Kopf. Kein Schlepp. Bei Kilometer 780 bin ich auf den Rhein, bei Km 762 gehe ich in den Hafen des Crefelder Yacht Clubs. Etwa zwei Stunden habe ich gebraucht, die Motoren haben ordentlich gedreht und ordentlich Sprit verbraucht. Sprit wird d a s Thema, denn auf einen Schlepp brauche ich nicht zu hoffen, sagen sie mir hier alle. Es sei zu viel passiert, die Geschwindigkeiten haben zugenommen, und ohne Funk geht gar nichts. Der Hafenmeister nennt mir alle ihm bekannten Benzintankmöglichkeiten auf meiner Strecke. Sie sind dünn gesät, aber es müßte gehen. Ich rechne aus, daß ich bei eigener Maschinenfahrt fünf Tage bis Mainz brauche.

Abendstille. Die Vögel zwitschern, ich liege absolut ruhig und sicher, die Rheinschifffahrt höre ich als leises Tuckern. Die Stege hier tragen Namen, Reeperbahn, Königsallee, Junfernstieg. Auf den Stegen stehen Bänke und Blumenkübel. Ich liege am Kopf der Königsallee längsseits am Schulungsmotorkutter. Kartoffeleintopf aus der Dose ist heute dran, nach zweimal Pichelsteiner und zweimal Nudelgulasch, Dosenverpflegung von Norje. Diese Doseneintöpfe wirken wie eine Zeitreise, sie schmecken wie vor 40 Jahren und satt machen sie noch immer nicht. Ab morgen muß ich die Verpflegung sorgfältig planen: Auf dem Strom komme ich kaum vom Ruder weg, zu viel Schifffahrt, schnell und wirklich nicht sonderlich rücksichtsvoll.

Der nächste Morgen sieht mich um halb acht wieder auf dem Rhein. Ich will nach Köln, da ist für Duschen keine Zeit. 9 Stunden und zweimal über Kiesbänke schrammen später bin ich um fünf Uhr nachmittags im Stadtauhafen fest­ einem Hafen, den es schon seit dem 11. Jahrhundert gibt. Brote hatte ich mir vorher gestrichen, aber später merke ich, daß selbst auf dem Rhein ein 10-Sekunden-Sprint unter Deck und zurück drin ist. Das reicht für das Brot und die Wiener Würstchen zu Mittag.

Düsseldorf ist noch am Aufwachen, als ich unter seinen schönen Brücken herfahre. Die Lenkung, die Peter entworfen hat, geht an- genehm leicht, die Gaszüge dafür zu schwer. Da werde ich die Radien der Bowdenzüge zum Motor hin ändern. Jan der Tischler ruft aus Frankfurt/ Main an. Er will das letzte Stück Rhein durchs Binger Loch mitfahren. Ich hatte Besuch von der Waschpo. Herr S. trägt Ohrringe, sieht total gut aus und hat Burkhardt Pieske gelesen. Meine Papiere interessieren ihn weniger als das Boot. Ich erzähle von der Reise und warum es gerade dieses Boot geworden ist. Die Idee mit dem Cabrioverdeck, das mit wenigen Handgriffen einen Salon herzaubert, gefällt ihm sofort. Auch das offene Dach, die breiten Laufdecks, die niedrige Silhouette lobt er. Meine Fenster gefallen ihm nicht, man sehe zu undeutlich. Aber da kommen ja richtige Makrolonscheiben rein, das sei dann ok.

Der Raum unter Deck überrascht ihn wie andere vor ihm, auch 320 Liter Wasser in zwei Kielen läßt er sich gefallen. Meinen 18-Kilo-Bügelanker sieht er mit Skepsis. Ob der im Notfall wirklich hält? Aber es freut ihn, daß er bereit liegt. Herr S. gibt mir den Tipp mit den Stadtauhafen, hilft mir an einer der Treppen an der Hafenmauer anlegen und sagt, oben über die Straße ist die Tankstelle für mein Benzin. Dann wünscht er mir gute Fahrt und steigt wieder über auf sein Wachboot.

Donnerstagabend, 24. April. Um acht lege ich ab. Um halb elf versuche ich, auf einem Sandflecken am Ufer zu landen. Ich muß mal. Ich bin fast dran, da knirscht es. Steine. Ich gebe rückwärts, aber der Strom drückt mich erst auf, dann von den Steinen runter. Ich bin bedient. Und dann, später bei Bonn, rumpelt es richtig. Breit liegt das Wasser vor mir, ich meine, ich bin wirklich gut im Fahrwasser, aber ich lande abrupt auf den Steinen. Full stop aus 6 km/h. Die Kamera fliegt den Niedergang runter. Der Kessel fliegt vom Kocher. Die Porta Potti fällt vom Thron. Es dauert eine quälende Minute, ehe ich den Kat von den Steinen runter habe . Stromkilometer 656 ,,Am Schänzchen" um 1206 Uhr, da war's. Ich rechne mit einer größeren Reparatur und denke resigniert, na ja, ich kann's. Hab ja schließlich die Ruder gebaut. (Später an Land werde ich sehen, daß es halb so schlimm ist.) Deprimiert fahre ich weiter, auch zittrig. Erst langsam beruhige ich mich. Und stelle eine beunruhigende Wurschtigkeit bei mir fest: Wenn ich's jetzt zu Schrott gefahren hätte, das Boot, auf das ich mich so gefreut habe, ich hätte auch das apathisch hingenommen. Ich bin einfach müde, total müde. Es wird Zeit, dass ich ankomme.

Sonst kann ich mich nicht beklagen. Wieder Sonne, im Riesengebirge etwas trüb und Wind, aber das trockene Wetter hält sich. Habe ich da ein Glück! Und ich komme nach 10 Stunden in Neuwied an, abends um halb sieben. Etwa 50 Liter Benzin habe ich gebraucht für die 81 Kilometer stromauf. Jetzt sitze ich im Hafenrestaurant. Das Essen ist gekommen. Es tut gut, bedient zu werden. Noch ein Bier, dann schlafen. Ich telefoniere wegen des Kranens und Transports meiner KOLIBRI zum Bauplatz in Mainz- Gustavsburg. Der Hafenmeister sagt, ein so großes Schiff geht nicht an ihren Steg. Hinkommen und dann sofort aus dem Wasser, anders ginge es nicht. Also werde ich Zwischenstation in Wiesbaden-Schierstein machen. Den Hafen kenne ich gut. Als Kinder sind wir von dort auf die Rettbergsau geschwommen. War nicht ganz ohne mit der Strömung und dem Schiffsverkehr, auch wenn's weniger war als heute.

Das Deutsche Eck taucht auf, klotzig die Festung Ehrenbreitstein, herrschaftlich reitet Kaiser Wilhelm I. für Preußen und das Reichauf seinem Denkmal, und ich wechsele für die Schifffahrt aus der Mosel an das rechte Rheinufer. Mit Schloss Stolzenfels an der Lahnmündung beginnt die Burgenstrecke. Ich schwinge mit der zu Berg fahrenden Berufsschifffahrt von Innenkurve zu Innenkurve, da ist die Strömung schwächer. Passieren an der ,,falschen Seite", blaue Tafel an blauer Tafel, ist für mich inzwischen ein alter Hut, und auch gegen die Strömung geht es noch immer gut voran mit Zweidrittelgas. Hunsrück und Hintertaunus schieben sich an den Rhein. Das Tal wird enger, die Gegend touristisch.

Zu gezirkelt sind die Fachwerke an Boppards Rheinfront nachgemalt, zu historisierend die Schilder an den Wirtshäusern. Im Stundentakt rauscht der ICE vorbei, und zwischendrin überrascht eine echte Dampflok mit alten Waggons. Gegen sechs bin ich in St. Goar fest, meinem letzten Hafen vor dem Gebirge. Ich finde einen schönen Platz am Steg, das wäre im Sommer nicht möglich. Lange rede ich mit Herrn N., dem letzten Rheinfischer hier in der Gegend. Trage mit ihm Holz auf sein Schiff, das er gerade herrichtet. Er erklärt mir haarklein die Pas- sage durchs Gebirge und wo ich an der engsten Stelle am Betteck ggf. hinter der grünen Tonne warten soll, wenn ein Verband zu Tal fährt und die ganze Fahrwasserbreite braucht, um die Kurve zu kriegen.

Der Hafenmeister wiegt bedenklich sein Haupt über 2x 10 PS und erläutert, die Strömung sei ja keineswegs geringer bei Niedrigwasser, wie die Leute glaubten, denn mit dem sinkenden Wasserstand werde ja auch das Flussbett enger. Ich werde sehen. Wenn alles nichts hilft, dann müssen wir uns schleppen lassen, an die 350 Euro würde das kosten. Ich hole Benzin von der Straßentankstelle 100 Meter weiter. Dafür haben sie hier eine extra Benzinkarre stehen, mit Kanister und Pumpe; sogar eine Bremse für die steile Rampe runter zum Steg ist dran!

Samstag, mein letzter Tag dieser Überführung. Ich wache früh auf, dusche ausgiebig, koche Tee und studiere noch einmal das System der Hinweis- und Warntafeln auf der Warschaustrecke. Sie reicht von St. Goar bis Oberwesel und informiert über Entgegenkommer. Das Fahrwasser ist schmal, gesäumt von Felsriffen, die Strömung stark und die engen Kurven machen eine Navigation auf Sicht unmöglich. Auch Radar und UKW- Funk versagen hier; zu eng sind die Felsen an das Rheintal gerückt. Die fünf Kilometer haben es schon in sich. Die Loreley singt ein Lied davon. Wir gehen raus auf den Rhein. Das Wetter ist diesig, schade. Kein Schiff fährt voraus, und auch hinter uns sehen wir keine Berufschifffahrt. Wir haben wenige Entgegenkommer, die Loreley grüßt uns mit Nieselregen, am Betteck kommen wir glatt durch. Wir fahren mit Dreiviertelgas; voll voraus traue ich mich nicht, die Motoren werden in den nächsten Stunden noch gut zu tun haben.

Das Wasser kommt uns in Placken entgegen, rasch , lautlos, bedrohlich. Zäh geht es voran. Kammereck - Geisenrücken ­ Jungferngrund, dann, nach einer Stunde, das erste Aufatmen: Das enge Gebirge liegt hinter uns. Wir passieren die Kaiserpfalz bei Kaub, nehmen ,,Das wilde Gefährt" und meiden die ,,Flottenreißer" vor Bacharach.

Das Tal weitet sich, an den Hängen Weingärten. Hinter Trechtinghausen wartet die stärksten Strömung auf uns. Der Rhein hat sich durch Binger Loch gequält und tobt sich aus. Wir schätzen etwa 7 km/h Strömung, gegen die wir mit gut 5 Km/h anmotoren. Noch wiegt die Kolibri nur zweieinhalb Tonnen; wie es ausgerüstet mit tausend Kilo mehr aussähe, weiß ich nicht. Der Rheinführer nennt bei Trechtinghausen zuvorkommend die Telefonnummer für Vorspann (Schlepperhilfe), Havarie und Bergung. Wir brauchen sie glücklicherweise nicht. Um viertel nach zwölf passieren wir den Mäuseturm im Binger Loch.

Wir haben es geschafft, wir sind durch. Der Rest ist fast zu gemütlich. Der Rheingau mit seinen Weinbergen wirkt vom Wasser aus erstaunlich flach. Vom Land erinnere ich die berühmten Rieslinglagen als viel steiler. Bei Eltville suche ich nach der Kiedricher Kirche, schöne Gotik, und dem Kiedricher Klosterberg, der Lage meines Hausweines, ein trockener, völlig durchgegorener Riesling mit feiner Säure, ein echter Rheingauer eben.

Es ist drei Uhr Nachmittags. Schierstein taucht auf. Ich gehe aus der Heckwelle, wechsle die Seite und laufe unter dem hohen Bogen der Fußgängerbrücke, über die ich so oft spaziert bin, in den Hafen ein. Nach einigem Suchen machen wir am Gästesteg des WSV fest, begrüßt im besten Hessisch. Erst langsam dämmert mir: Ich habe es wirklich geschafft. Ich bin angekommen. Ein gutes Jahr später ist klar: Es ist noch ein großes Stück Arbeit, den Kasko einzurichten und auszurüsten. KOLIBRI soll schließlich wieder zurück in ihr Element. Wir wollen wieder segeln, und das IMM in Riga 2005 ist ein schönes Ziel.


Kat KOLIBRI
Format F 108C Jürgen Peter, Kiel
Länge 10,80 m
Breite 6,00 m
Tiefgang 0,90 m
Verdr. 3,80 to
Groß 32,00qm
Fock 18,00 qm
Klüver 34,00 qm
2 Außenborder 7,3 kW/9,9 PS Yamaha 4-Takt
Infos gholthausen@web.de

Karten und Führer:
Mitteleuropäische Wasserstraßen Binnenschiffahrts-Verlag Duisburg (Übersichtskarte)
Sportschiffahrtskarten Binnen 1-3 Nautische Veröffentlichung Verlagsgesellschaft, Arnis (für den Bereich Oderhaff-Berlin-Elbe)
Manfred Fenzl, Vom Rhein zur Nord- und Ostsee, Edition Maritim, Hamburg (Elbe-Mittellandkanal-Duisburg)
Manfred Fenzl, Der Rhein, Edition Maritim, Hamburg

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