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Weltumseglerprobleme

Dr. Thomas Neuber

War auf meinem Weg nach Saint Petersburg/ Tampabay mit nur noch 15% Motorkraft meines Bootes in Key West angekommen auf der Suche nach einem neuen Motor und außerdem interessierte mich das Salvatore Dali Museum.

Die US Einklarierung ging auf Grund meines Ausklarierungspapiers von Guantanamo ohne Probleme von statten; die an Wolken hohen Drahtseilen hängenden Radar-Blibs wußten auch nichts Negatives über mich zu berichten. Key West ist eine etwas antiquiert anmutende US-Navy Base. Daneben gibt es Wassersport Massen Tourismus mit Riesen Katamaranen und Pseudo Piraten Schiffen. Der eigentliche Charme aber sind die Zivilisationsflüchtlinge, die mich heftig an meine Studentenzeit und die Hippies auf Formentera erinnerten. An Wochenenden trafen zahllose Touristen von Miami ein, um sich unter die Freaks, wie sie sie nannten, zu mischen.

Eine reichlich verkommene, Wochentags verwaiste Pier im Hafen erinnert an Zeiten eines regelmäßigen Schiffs-Verkehrs nach Havanna. Dort bauen die Freaks für Schaulustige kleine Stände auf und führen dilettantisch anmutende Kunststücke vor.

Ich erinnere mich an einen bärtigen Typen, der ein Ferkel Kopfstand vorführen ließ. Ich begab mich neugierig ins Gedränge und folgte einer Gruppe schmucker Teenager, die sich lauthals über die Schausteller ausließen.

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Plötzlich gab die Menge den Blick auf einen erhöhten Regiestuhl frei. Auf ihm saß eine ältere Frau ganz in schwarz gekleidet. Ältere Frau ist nicht das richtige Wort, sie war eine sehr, sehr alte Lady, mit deutlichen Zeichen von Faceliftings, die sie eher noch älter erscheinen ließen. Sie saß wort- und bewegungslos auf ihrem Thron, und hielt ein kleines Schild in der Hand, auf dem zu lesen war: „Palmreading 10$“

Die Mädchen vor mir mokierten sich ungeniert über ihr äußeres, bis eine von ihnen vorschlug, die 10$ zu riskieren. Ich hielt mich dicht hinter ihnen, um das Resultat nicht zu verpassen. Die schwarzgekleidete sprach aber derart leise und schnell, daß ich nichts mitbekam.

Bemerkenswert war jedoch, daß das respektlose Geschnatter verstummte. „Sie hat offenbar was Wahres zu sagen“, dachte ich mir. Man mag mich mit Recht einen in Schichten hart gewordenen Naturwissenschaftler nennen. Ich hatte in meinem Leben mehr als einmal das Vergnügen, Handlinien-Leserinnen zu begegnen, und konnte mir denken, was sie zu meinen Linien sagen würde, dennoch war ich neugierig zu wissen, wie gut sie war.

Sie betastete meine Handflächen bedeckt mit Schwielen vom Hantieren mit Segeln und Tauwerk, und meinte: „Du arbeitest doch normalerweise mit Deinem Kopf nicht mit Deinen Händen, warum hast Du so grobe Hände?“ Ich erklärte ihr, ich lebe nun mein „second life“ auf meinem Segelboot, und sie habe recht mit ihrer Feststellung.

Es folgten, neben Erwartetem, verblüffende Einzelheiten meines vergangenen Lebens, die außer mir niemand kennen konnte. Ich konnte es nicht fassen, als sie bemerkte: „Ich glaube, eines Deiner Kinder ist vor nicht langer Zeit gestorben“. Die meiste Zeit hatte ich sprachlos zugehört, als ich ihr zuletzt erwiderte: „Meine Vergangenheit kenne ich, aber wie sieht meine Zukunft aus?“

Sie meinte, ich würde lange leben, allerdings nicht ohne zwischenzeitliche gesundheitliche Krisen, blah blah blah …

Eines fragte ich dennoch irgendwie ungeduldig: „Wartet auf mich noch eine große Liebe?“ Sie lächelte ein wenig mit ihren Faceliftingnarben, und meinte: „Ja, sogar eine ganz große“. She made my day!

Ich war zufrieden und zahlte ihr die 10$, die sie zurückwies. „Lass uns was trinken gehen.“ In Hemingways Lieblings-Bar schwätzen wir noch bis die Dämmerung hereinbrach. In den Tropen gibt es eigentlich keine richtige Dämmerung. Gegen 18:00 Uhr wird quasi die Sonne abgeschaltet und wenn der Feuerball den Meereshorizont küsst, kann es für kurze Momente zum Green Flash kommen.

Danach ist Nacht.

Ich war nach dem Gespräch zu sehr in Gedanken versunken, um den Horizont beobachtet zu haben, obwohl die Bedingungen für den grünen Blitz geradezu fast ideal gewesen wären. Alle Frauen, denen ich auf meiner 20 jährigen Segelreise durch den Pazifik begegnete, beobachtete ich mit größter Sorgfalt. Es war aber keine dabei, die der Weissagung entsprach. Zudem war ich schon immer, auch im Älterwerden, sehr anspruchsvoll hinsichtlich weiblichen Aussehens und persönlicher Qualitäten und nicht ohne Grund seit Jahren allein.

Im Alter von 69Jahren traf ich sie. Sie ist 26 Jahre jung, Mutter von zwei prächtigen Söhnen, die ich wie meine eigenen liebe. Das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist.

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